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Notfallmedizin - Jod - bei radiologischem oder nuklearem Notfall

Stand:

Nichtradioaktives Jod blockiert die Anreicherung von radioaktivem Jod in der Schilddrüse.

Das Wichtigste in Kürze:Auf Infos kommt es an

  • Bei einem nuklearen Unfall dienen sehr hoch dosierte Jodtabletten Schutz vor Schilddrüsenkrebs.
  • Diese Tabletten werden im Notfall über die Katastrophenschutzbehörden verteilt. Die Einnahme darf nur nach ausdrücklicher Aufforderung erfolgen und nur in der von den Behörden genannten Menge.
  • Die Notfalltabletten sind nicht zur Nahrungsergänzung geeignet, es besteht Gesundheitsgefahr insbesondere bei Personen über 45 Jahren.
  • Wer jünger ist und an einer Jodüberempfindlichkeit oder einer Schilddrüsenerkrankung leidet, sollte im Vorfeld mit seinem Arzt über Alternativen zu diesen Tabletten sprechen.
  • Die Tabletten schützen nicht vor weiteren freigesetzten radioaktiven Stoffen wie Cäsium oder Strontium, die ebenfalls schwere Erkrankungen (z.B. Krebs und Leukämie) verursachen.
Kaliumiodid Potassium iodide 65 mg
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Wozu dient hoch dosiertes Jod?

Bei einem nuklearen Unfall (z.B. eines Kernkraftwerks) kann radioaktives Jod 16 freigesetzt werden. Es wird vom Körper wie natürliches Jod aufgenommen und in der Schilddrüse eingelagert. Die vom radioaktiven Jod ausgehende Strahlung kann die Wahrscheinlichkeit für Schilddrüsenkrebs erhöhen, besonders bei Kindern und Jugendlichen.

Werden rechtzeitig Tabletten mit einer hohen Konzentration nicht-radioaktiven Jods eingenommen, wird die Schilddrüse mit Jod gesättigt (Jodblockade). Zum richtigen Zeitpunkt genommen wird dadurch die Einlagerung des radioaktiven Jods in der Schilddrüse verhindert.

Nicht geeignet sind Jodtabletten, wie sie zur Behandlung von Schilddrüsenkrankheiten vom Arzt verschrieben werden oder jodhaltige Nahrungsergänzungsmittel. Die Menge an Jod in diesen Tabletten ist viel zu gering, um sie zur Jodblockade einzusetzen.

Warum ist der richtige Zeitpunkt so wichtig?

Voraussetzung für die Jodblockade ist die Einnahme einer hohen Dosis innerhalb eines engen Zeitfensters von wenigen Stunden bevor oder nachdem man der Wolke mit radioaktivem Jod ausgesetzt war (Exposition). Die Schutzwirkung der Jodtabletten nimmt nämlich mit zunehmender Länge dieses Zeitraums ab, auf 80 % bei 48 Stunden vorher, auf 50 % bei 72 Stunden vor und auf nur 10% 96 Stunden vor der Aufnahme des radioaktiven Jods.

Im Notfall berechnen die Behörden das örtliche und zeitliche Eintreffen der radioaktiven Wolke und messen die Konzentration an radioaktivem Jod. Entsprechend unterrichten sie die Bevölkerung in dem betroffenen Gebiet über Rundfunk, Fernsehen, soziale Medien, im Internet, per Warn-App NINA (Notfall-Informations- und Nachrichten App des Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe), gegebenenfalls auch über Sirenen sowie Lautsprecherdurchsagen der örtlichen Polizei und Feuerwehr.

Keine Eigenmedikation! Beachten Sie unbedingt die Aufforderungen zur Einnahme der Tabletten durch die Behörden!

Wer bekommt Notfall-Jodtabletten?

Laut Bundesamt für Strahlenschutz werden im Ernstfall Jodtabletten (Blister ohne Umverpackung mit Merkblatt) im Umkreis von 100 km vom Störfall für die gesamte Bevölkerung unter 45 Jahren sowie im ganzen Bundesgebiet für Säuglinge, Kinder, Jugendliche unter 18 Jahren und Schwangere ausgegeben. Wo sich die Ausgabestellen für Jodtabletten befinden, erfahren Sie bei der Katastrophenschutzbehörde Ihrer Gemeinde.

Für Personen über 45 Jahren rät die Strahlenschutzkommission aus medizinischen Gründen von der Einnahme hochdosierter Jodtabletten ab.

Hoch dosierte Jodtabletten sollten nur nach ausdrücklicher Aufforderung durch die Katastrophenschutzbehörden eingenommen werden – und nur in der von den Behörden genannten Dosis.

Sehr hohe Aufnahmemenge - kein Nahrungsergänzungsmittel!

Diese speziellen Jodtabletten enthalten eine einmalig einzunehmende Dosis von 130 mg Kaliumjodid (= 100 mg Jod) in zwei Tabletten für Erwachsene. Das ist das 500fache der normale Empfehlung für die tägliche Jod-Zufuhr für Erwachsene (200 µg). Jod-Arzneimittel zur Vorbeugung eines Kropfes oder Nahrungsergänzungsmittel enthalten meist 100-200 µg.

Zu viel Jod ist schädlich, mehr als 500 µg pro Tag (incl. aller Lebensmittel, auch Jodsalz und Meeresalgen) gelten in Deutschland aufgrund der allgemeinen Versorgungslage als nicht sicher. Bei einem dauerhaften Jodüberschuss können sich langfristig eine jodinduzierte Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) und ein Kropf (Struma) entwickeln. Problematisch ist zu viel Jod auch für Patienten mit einer (genetischen) Disposition für eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse (Morbus Basedow, Autoimmunthyreoiditis).

Wer eine Überempfindlichkeit gegen Jod hat oder an einer Schilddrüsenerkrankung leidet, sollte im Vorfeld mit seinem Arzt über Alternativen zu den Jod-Notfalltabletten sprechen.

Warum keine Notfall-Jodtabletten für über 45-Jährige?

Über 45-Jährige bekommen im Katastrophenfall keine Jodtabletten. Der Grund: Bei Überschreitung der als sicher geltenden Gesamtzufuhr an Jod von 500 µg am Tag kann es insbesondere bei älteren Menschen mit einer funktionellen Autonomie der Schilddrüse schon nach einmaligen Verzehr zu einer jodinduzierten Hyperthyreose und damit unter Umständen zu einer lebensgefährlichen Entgleisung des Stoffwechsels kommen.

Dieses Risiko wird als problematischer angesehen, als die Gefahr einer möglichen Schilddrüsenkrebserkrankung in der Zukunft. Es gilt als sicher, dass bis zum Ausbruch einer solchen Erkrankung 30-40 Jahre vergehen.

Sonderfall Region Aachen

Die Region Aachen mit der Stadt Aachen, der Städteregion Aachen sowie den Kreisen Euskirchen, Heinsberg und Düren hat 2017 die Erlaubnis vom zuständigen NRW-Innenministerium erhalten, nicht erst im Fall eines Reaktorunfalls, sondern bereits vorbeugend Jodtabletten auszugeben. Bezugsberechtigte Bürger/-innen (45 Jahre und jünger) konnten bzw. können Bezugsscheine beantragen und die Jodtabletten dann kostenlos in der Apotheke bekommen. Hintergrund ist die Sorge vor einem möglichen Unfall im störanfälligen belgischen Kernkraftwerk Tihange, unweit von Aachen.

Kein Schutz vor anderen radioaktiven Stoffen

Bei einem Störfall können auch weitere radioaktive Stoffe wie Cäsium oder Strontium freigesetzt werden, die ebenfalls schwere Erkrankungen (z.B. Krebs und Leukämie) verursachen können. Die Einnahme von Notfall-Jodtabletten schützt nicht gegen diese Substanzen und mögliche Folgeschäden.

 

Quellen:


Stadt Aachen, StädteRegion Aachen, Kreis Düren, Kreis Euskirchen und Kreis Heinsberg (Hg.): Information für die Bevölkerung in der Umgebung des Kernkraftwerkes Tihange (B). 1. Auflage, März 2017

Verwendung von Jodtabletten zur Jodblockade der Schilddrüse bei einem Notfall mit Freisetzung von radioaktivem Jod. Empfehlung der Strahlenschutzkommission, Stand: 6. Februar 2019

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit: Einnahme von Jodtabletten. Schutzmaßnahme bei einem schweren Unfall in einem Kernkraftwerk. (abgerufen am 27.08.19)

D-A-CH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, 2. Auflage, 5. aktualisierte Ausgabe 2019

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