Möglicherweise lassen sich daraus in Zukunft gezielte Therapieverfahren zum Beispiel gegen Infektionskrankheiten, Krebs oder nachlassende geistige Fähigkeiten im Alter entwickeln.
Man weiß, dass die Spermidinkonzentration in den Zellen im Alter abnimmt. Im Labor lebten Fadenwürmer und Hefen länger als ihre Artgenossen, wenn sie zusätzliches Spermidin zur Verfügung hatten. In einer (kleinen) Beobachtungsstudie an Menschen konnte ein Zusammenhang zwischen dem Verzehr spermidinhaltiger Lebensmittel (nicht des isolierten Stoffs Spermidin) und einer längeren Lebensdauer gezeigt werden. Möglicherweise kann eine vergleichsweise hohe Spermidinzufuhr über Lebensmittel auch eine altersbedingt nachlassende Hirnleistung hinauszögern.
Spermidin wird vor Eintritt in den Blutkreislauf zu Spermin umgewandelt wird. Selbst sehr hoch dosiertes Spermidin von 15 Milligramm pro Tag hatte keine Auswirkung auf den Blutplasmaspiegel an Spermidin. Demnach ist es eher unwahrscheinlich, dass handelsübliche Spermidin-Präparate selbst in der maximal erlaubten Dosierung die erhoffte Wirkung haben.
Spermidinhaltige Nahrungsergänzungsmittel sind auch eher nicht in der Lage, einen Fastenzustand vorzutäuschen. Die Wirkungen des Fastens auf den Körper sind komplex und können nicht durch Einnahme einer einzigen Substanz simuliert werden. Auch zeigte sich, dass der Verzicht auf spermidinhaltige Lebensmittel die Menge des Spermidins im Blut nicht reduzierte. Spermidin ist also kein Ersatz für das Fasten und auch nicht sinnvoll zur Unterstützung des Fastens.
Länger und gesünder leben - was steckt hinter dem Longevity-Trend?
Das Leben verlängern und die Gesundheit bis ins hohe Alter erhalten: So lässt sich der Longevity-Trend beschreiben.
Tatsächlich kann man dem Ziel eines langen und gesunden Lebens durch entsprechende Maßnahmen ein gutes Stück näherkommen. Wichtig dabei ist zunächst einmal alles, was die kardiovaskuläre Gesundheit stärkt, nämlich gute Ernährung, ausreichend körperliche Bewegung, genügend Schlaf, Tabakverzicht, Gewichtsmanagement, Cholesterinkontrolle, Blutzucker- und Blutdruckmanagement. Das bedeutet in der Regel eine Veränderung des Lebensstils. Und so verstehen es auch die Vereinten Nationen, die dieses Jahrzehnt von 2021 bis 2030 als "Dekade des gesunden Alterns" ausgerufen haben.
Außerdem wird einigen Medikamenten aufgrund ihrer Wirkmechnismen ein Anti-Aging-Effekt zugeschrieben. Dazu gehören die blutzuckersenkenden GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA), die (eigentlich) in der Therapie von Typ-2-Diabetes eingesetzt werden. Dazu zählen auch die "Abnehmspritzen" mit Liraglutid oder Semaglutid, die aktuell als (verschreibungspflichtige!) Lifestyle-Medikamente hoch im Kurs stehen. Weitere Medikamente in diesem Zusammenhang sind Metformin (Diabetesmedikament), Rapamycin oder eben Spermidin. Aber: Bis heute konnte für keines dieser Medikamente eine Wirksamkeit hinsichtlich Langlebigkeit nachgewiesen werden. Aktuell laufen lediglich klinische Studien, die irgendwann zumindest einen gewissen Verjüngungseffekt zeigen sollen.
Und was für exakt beschriebene Medikamente gilt, lässt sich umso weniger auf nicht einheitlich definierte Nahrungsergänzungsmittel übertragen. So werden vielfach Nahrungsergänzungsmittel mit der Bezeichnung GLP-1 als Blutzuckerregulatoren angeboten, sollen angeblich Heißhunger verhindern und für ein erhöhtes Sättigungsgefühl sorgen. Belege gibt es keine! Der einzige Zusammenhang zum Blutzuckerspiegel ist in der Regel der Zusatz von Chrom, für das es einen zugelassenen Health Claim "Chrom trägt zur Aufrechterhaltung eines normalen Blutzuckerspiegels bei" gibt. Häufig wird auch Berberitzenextrakt oder ein Extrakt aus der weißen Maulbeere (Morus alba, enthält u.a. Resveratrol) verwendet. Vorsicht, wenn (zu viel) Piperin enthalten ist!
Auch für Trenddiäten, die Longevity fördern sollen, fehlen die Nachweise. So soll angeblich eine möglichst niedrige Proteinzufuhr dazu beitragen, auf gesunde Weise ein überdurchschnittlich hohes Alter zu erlangen. Kleine Studien zeigten zwar anhand von Alterungs-Biomarkern ein möglicherweise längeres Leben bei einer Energiezufuhr unterhalb des Bedarfs (Calorie Restriction), allerdings nicht zwangsläufig bei bester Gesundheit. Die wissenschaftliche Studienlage gibt das für extra wenig Eiweiß allerdings bislang nicht her. Und eine gute Idee ist Low Protein weder für junge Menschen (wegen des Wachstums) noch für Ältere.
Protein wirkt nämlich dem altersbedingten Muskelabbau entgegen. Deswegen empfehlen die Fachgesellschaften wie die DGE Menschen ab 65 Jahren, die tägliche Proteinmenge sogar von 0,8 auf ein bis 1,5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht zu erhöhen. Für alle hat Protein den Vorteil, dass es gut und länger anhaltend sättigt.